Ingolstadt Mitteldistanz: Hindernisse, Fehler — und ein versöhnliches Ergebnis
Manchmal fragt man sich am Abend vor einem Rennen, warum man das eigentlich macht.
Ich wusste die Antwort gestern Abend nicht. Ich lag im Bett, wälzte mich hin und her, und mein Kopf lieferte eine Präsentation meiner Unzulänglichkeiten: kaum geschwommen in den letzten Wochen, die längste Radausfahrt waren 49 km bei einer Renndistanz von 86 km, und dann auch noch dieser Kratzen im Hals drei Tage vorher. Um 4 Uhr morgens gab ich auf. Eine Stunde früher als geplant, ohne die Schlaftiefe die man sich vor einem Rennen wünscht.

Zwei Toast, ein Kaffee, dann auf zur Strecke.
Friedlich und ruhig — bis zum Startschuss
Was mich am Wettkampfgelände überraschte: die Ruhe. Keine Hektik, kein Gewusel das einen mitreißt. Fahrrad checken, nochmal Kohlenhydrate, Musik in die Ohren und einstimmen. Dann Tasche abgegeben, ab zum Start.








Um 8:15 Uhr waren wir im Baggersee, 20 Grad Wassertemperatur. Erfrischend. Was ich nicht auf dem Zettel hatte: die Vegetation.
Schwimmen: 1.900 m durch den Salat
Ich weiß nicht, was in diesem See wächst — aber es wächst überall. Schon nach den ersten Metern: Gras an den Händen, Gras an den Füßen, Gras im Gesicht. Ich kam nie in einen Rhythmus. Stattdessen ein Rennen gegen die Unterwasserpflanzen: fassen, wegziehen, weiter, wieder fassen, wieder wegziehen.
Dass ich unter diesen Bedingungen 40:48 Minuten schwamm — das war die erste Überraschung des Tages. Keine schönen 1.900 m, keine sauberen Züge, kein Flow. Aber stabil. Und erstaunlich entspannt angesichts der Umstände.
| Wert | |
|---|---|
| Schwimmdistanz | 1.900 m |
| Zeit | 40:48 min |
| Pace | ~2:09/100m |
| Gefühl | Kraut und Rüben — im wörtlichen Sinne |
In der Wechselzone ließ ich mir Zeit. Komplett präpariert für die Radstrecke, nochmal Kohlenhydrate, alles festgezurrt. T1: 5:59 min — kein Speedrun, aber kein Chaos.
Rad: Windböen, Stabilitätsprobleme und zwei verlorene Gels
Der erste Km auf dem Rad, und schon das erste Problem: Beide Gels weg. Direkt zu Beginn, weg. Die Ernährungsstrategie für 86 km war damit Makulatur.
Dann die Bedingungen. Starke Windböen, die das Rad destabilisierten. Langer Gegenwind auf Abschnitten, die man sonst zügig abspult. Das Rennen war von Beginn an kein Spaß — es war Arbeit.
Was die Daten zeigen, ist trotzdem bemerkenswert:
| Wert | |
|---|---|
| Streckenlänge | 86 km |
| Zeit | 2:45:50 h |
| Ø Tempo | 31,3 km/h |
| Ø Herzfrequenz | 132 bpm |
| Ø Leistung | 171 W |
132 bpm Durchschnitt. Das ist Rad-Z2, genau nach Plan — trotz Wind, trotz ohne Gels, trotz allem. Der Körper hat gehalten, was er halten sollte. Die Einschränkungen (Windböen, keine Gels) haben Spuren hinterlassen, die erst auf der Laufstrecke sichtbar wurden. Aber das Rad selbst: durchwachsen mit gutem Ausgang.
T2: 6:24 min. Kurze Toilettenpause, dann alles für den Lauf herrichten. Mein Lieblingsteil beginnt.
Lauf: Drama, Spezi-Fehler und ein Kämpfer-Finish
Kilometer 1. Krampf. Beide Oberschenkel gleichzeitig.
Das ist das triathlon-klassischste Problem überhaupt — die Quadrizeps nach 86 km Rad, noch bevor sich die Beine auf das Laufen eingestellt haben. Ich kannte das Risiko. Ich hatte es eingeplant. Und doch: der erste Kilometer, beides gleichzeitig.
Glücklicherweise hatte ich mein MoN Anti Cramp dabei. Der Krampf ließ nach. Ich lief weiter. Aber die Oberschenkel haben das für sich verbucht und nicht vergessen.
Die Kilometerdaten erzählen die Geschichte:
| Km | Pace | Ø HF | Notiz |
|---|---|---|---|
| 1 | 4:26/km | 146 bpm | Adrenalin + Krampf |
| 2 | 5:08/km | 146 bpm | Beine finden sich |
| 3–7 | 4:39–4:47/km | 148–151 bpm | Renntempo, solide |
| 8–10 | 4:53–5:09/km | 146 bpm | Muskulatur gibt nach |
| 11–17 | 5:05–5:27/km | 141–144 bpm | Kampf von Station zu Station |
| 18–20 | 4:46–4:53/km | 144–153 bpm | Schlussspurt |
Ab Kilometer 8 war es vorbei mit den Oberschenkeln. Die Kondition stimmte noch — mein Herz hätte mehr gewollt, aber die Muskulatur war platt. Das war der Preis für die fehlenden langen Radausfahrten, für die verlorenen Gels, für den Gegenwind.

Was ich ab Kilometer 8 falsch machte: Spezi an jeder Verpflegungsstation. Das tue ich sonst erst auf den letzten 4–5 km. An diesem Tag dachte ich, ich brauche den Zucker früher. Meinem Magen war das egal — der mochte das gar nicht. Der Rest des Laufs war damit auch kulinarisch ungemütlich.
Pralle Sonne von oben. Zwei Runden, kämpfen, laufen, trinken. Von Station zu Station.
Und dann, nach den zwei Runden, die Abbiegung in den Zielbereich.

Diese 1,5 km konnte ich wirklich genießen. Eine doppelte Vorfreude — die Erschöpfung hinter mir, das Ziel vor mir. So ein Einlauf ist jedes Mal ein kleines Geschenk, ganz egal wie das Rennen davor war.
Laufzeit: 1:37:59 h für 20 km. Ø Pace: 4:59/km. Ø HF: 146 bpm.
Was die Daten dabei zeigen und was mich retrospektiv wirklich überrascht: Die Herzfrequenz ist auf der zweiten Laufhälfte nicht gestiegen, sondern gefallen. Erste Hälfte Ø 148 bpm, zweite Hälfte Ø 144 bpm. Negative HF-Drift. Mein kardiovaskuläres System ist diese 20 km nach 86 km Rad effizienter geworden, nicht weniger. Die Muskeln haben versagt — der Motor nicht.
Gesamtergebnis: 5:17:00
| Disziplin | Zeit |
|---|---|
| Schwimmen 1,9 km | 40:48 min |
| T1 | 5:59 min |
| Rad 86 km | 2:45:50 h |
| T2 | 6:24 min |
| Lauf 20 km | 1:37:59 h |
| Total | 5:17:00 h |

378. Platz gesamt. 46. Platz AK 45 männlich.
Damit hatte ich nicht gerechnet. Die KI-Prognose lag bei 5:55–6:10 h — wir lagen beide daneben, ich glücklicherweise in die richtige Richtung. Fast 45 Minuten schneller als prognostiziert. Ein Rennen mit Hindernissen (Pflanzen, Wind, Gels weg, Krämpfe, Magen) — und trotzdem 5:17h.
Was das für den Herbst bedeutet
Ich baue auf dieses Rennen auf, aber mir ist auch klar, was ich noch optimieren muss:

Was gut funktioniert hat:
- Aerobe Basis: 132 bpm auf dem Rad, 146 bpm im Lauf — beide Male gut gemanagt
- Schwimmstabilität: 40:48 ohne Trainingsvolumen, gegen Pflanzen
- Schluss-km: Die Beine am Ende noch einmal beschleunigt
Was ich als Hausaufgaben mitnehme:
- Gel-Befestigung am Rad muss bombensicher sein — zwei verlorene Gels können ein Rennen entscheiden
- Spezi erst in den letzten 4 km, nicht ab km 8. Das wusste ich. Ich habe es vergessen.
- Radvolumen: Die 86 km haben Spuren hinterlassen, weil die Vorbereitung bei 49 km endete. Das wird sich bis zum Herbst ändern.
- Muskelkrämpfe im Lauf: Ursache klar (Radermüdung + fehlende Gels). Prävention durch mehr Brick-Training und wasserdichte Ernährungsstrategie.
Das eigentliche Signal aus diesem Rennen kommt aber aus den Daten: Mein kardiovaskuläres System hat 5h17min Triathlon mit einem Puffer verwaltet. Die Herzfrequenz ist auf dem Lauf nicht explodiert. Sie ist gefallen. Der Körper hat mehr, als das Rennen verlangt hat. Diese Reserve — die war nicht geplant, aber sie ist da.
München, 11. Oktober. Sub-3. Das ist der Plan.
