Challenge Almere: 3:41:45 im Laufsplit, und die Lektion steckt in einem Stück Zwetschgenkuchen

Es gibt Fehler, die man im Training nie macht. Und dann gibt es Fehler, die man nur am Wettkampftag macht, weil man vier Stunden Zeit hat und nichts zu tun.

Samstag, 12. September, Challenge Almere-Amsterdam. Die 45. Ausgabe, Europameisterschaft auf der Langdistanz, die älteste Langdistanz Europas. Ich laufe als Staffelläufer den kompletten Marathon für unser Team Tri Familia.

Am Ende stehen 3:41:45 für meinen Split. Unser Team kommt nach 11:17:41 ins Ziel, Platz 12 von 18 in der TriTogether-Langdistanz. Und ich habe auf der Strecke ungefähr 14 Minuten stehend verbracht.

Der Grund dafür war eine trübe Apfelsaftschorle. Und ein Zwetschgenkuchen.

Das Team und das lange Warten

Tri Familia, das ist die Staffel von Frank Horras. Rik schwimmt, Harald fährt Rad, ich laufe. Drei Leute, die sich auf einen langen Tag eingelassen haben, und genau die Art Buddies, die man bei so einem Wettkampf braucht.

Rik kommt nach 1:16:38h aus dem Weerwater. Dann sind 180 Kilometer Polder dran, flach, offen und windig. Harald braucht dafür 6:13:23h. Die Bedingungen waren kühl, trocken, aber mit genau dem Wind, vor dem Almere jeden warnt. Beide haben gut vorgelegt mit besseren Zeiten, als sie selbst erwartet haben.

Für mich heißt das: über sieben Stunden Warten in der Wechselzone und drumherum. Wer schon mal Staffel gelaufen ist, kennt das. Man ist nervös, man ist ausgeruht, man hat Hunger. Und überall gibt es etwas zu essen.

Ich habe mir in dieser Zeit eine trübe Apfelsaftschorle gegönnt und ein Stück Zwetschgenkuchen. Beides Dinge, die ich im Training vor einem langen Lauf nie essen würde. Am Wettkampftag fühlte es sich harmlos an.

Um 15:25 Uhr, nach 7:35:56 Teamzeit, kam Harald in die Wechselzone. Chip übernehmen, los.

Runde 1 und 2: genau nach Plan

Almere ist eine Generalprobe vier Wochen vor München. So hatte ich es nach dem Allgäu angekündigt: 4:25 bis 4:35 pro Kilometer, und im Zentrum die eine Frage, ob die Herzfrequenz über die volle Distanz stabil bleibt.

Die Laufstrecke besteht aus vier Runden um den Weerwater, flach, mit ein paar Brücken und viel Wind am Wasser.

Die ersten zehn Kilometer liefen fast wie auf Schienen. Zwischen 4:19 und 4:37 pro Kilometer, die Herzfrequenz zwischen 148 und 152. Genau der Korridor, den ich wollte.

In Runde 2 wurde es ein paar Sekunden langsamer, meist 4:35 bis 4:50 pro Kilometer, mit ein, zwei längeren Verpflegungspausen. Die Herzfrequenz sank auf etwa 144. Nach dem Halbmarathon standen 1:38:20 auf der Uhr.

Bis hierhin war alles im Plan. Der Magen allerdings auch schon nicht mehr ganz.

Runde 3: der Dixie-Stopp

Schon in den ersten beiden Runden ging an den Verpflegungsstellen nur noch Wasser. Gels, Iso, Cola? Der Magen hat deutlich gemacht, dass er davon nichts wissen will.

Kurz nach Beginn der dritten Runde, etwa bei Kilometer 22, war dann Schluss mit Verhandeln. Ungeplanter Dixie-Stopp. Es hat mich komplett durchgeräumt.

Auf der Uhr sieht das so aus: Ein Kilometer, der normalerweise 4:45 dauert, steht dort mit 12:08. Über sieben Minuten Stillstand an einer einzigen Stelle.

Das Erstaunliche: Danach lief es erstmal wieder. Die Kilometer 23 bis 28 lagen zwischen 4:37 und 4:53, die Herzfrequenz bei 143 bis 147. Die Beine waren da.

Aber ab jetzt ging gar nichts mehr rein. Nicht einmal Wasser. Und ich hatte noch fast 20 Kilometer vor mir.

Runde 4: ohne Treibstoff ins Ziel

Ab Kilometer 30 kam die Rechnung. Ohne Flüssigkeit, ohne Kohlenhydrate seit über einer Stunde, und das bei Wind am Wasser.

Die Kilometer lagen jetzt bei 5:30 bis 6:30, einer sogar bei 7:18. Die Herzfrequenz fiel auf 126 bis 132. Das ist kein Herz-Kreislauf-System, das an der Grenze arbeitet. Das ist ein Körper, dem schlicht der Treibstoff fehlt.

Die letzte Runde dauerte 58:40 in Bewegung. Die erste hatte 45:30 gedauert.

Und trotzdem: Auf den letzten 450 Metern ging noch einmal etwas. 4:59 pro Kilometer, Herzfrequenz hoch auf 151.

Und dann warteten sie auf mich: Harald und Rik. Die letzten Meter auf dem blauen Teppich sind wir zu dritt gelaufen, Harald links, Rik rechts, gemeinsam unter dem Zielbogen durch. Über elf Stunden, drei Disziplinen, und am Ende kommt die Tri Familia zusammen ins Ziel. Genau dafür läuft man Staffel.

In der Teamwertung hat der Marathon trotz allem noch etwas gebracht. Beim Wechsel lag TRIATHLIEM 40 JAAR 36 Minuten vor uns, Team Binkies 37 Sekunden. Beide sind am Ende hinter uns ins Ziel gekommen. Und den Rückstand auf Brugse Beukers haben wir von knapp 21 Minuten auf 4 Minuten verkürzt.

Die Bilanz in Zahlen

Runde (9,76 km)Zeit in BewegungZeit gesamtØ Herzfrequenz
145:3045:30150
247:2049:05144
3 (Dixie-Stopp)49:0757:50143
4 (ohne Verpflegung)58:4062:19133

In Bewegung bin ich 3:27:58 gelaufen, also knapp 5:00 pro Kilometer. Rund 14 Minuten habe ich gestanden, die Hälfte davon in einem Dixie.

Team Tri FamiliaAthletZeit
Schwimmen 3,8 kmRik1:16:38
Wechsel 13:16
Rad 180 kmHarald6:13:23
Wechsel 22:41
Laufen 42,2 kmKai3:41:45
Gesamt11:17:41, Platz 12 von 18

Was ich mitnehme

Die Frage aus dem Allgäu-Bericht war, ob die Herzfrequenz in der zweiten Hälfte kippt. Sie ist nicht nach oben gekippt. Sie ist gefallen, zusammen mit dem Tempo. Das Herz war nie das Problem.

Das Problem war der Tank. Und den habe ich mir selbst ausgeleert, Stunden bevor ich überhaupt gestartet bin.

„Nichts Neues am Wettkampftag“ ist die älteste Regel im Ausdauersport. Ich hätte sie im Schlaf aufsagen können. Was ich nicht auf dem Schirm hatte: Bei einer Staffel gehört die Wartezeit zum Wettkampftag. Sieben Stunden Warten brauchen einen eigenen Verpflegungsplan, genauso wie die 42 Kilometer danach.

Beim nächsten Mal heißt das: das Frühstück und die Snacks, die ich aus dem Training kenne, eingepackt und abgezählt. Keine Experimente am Kuchenstand, so gut der Zwetschgenkuchen auch war.

Was jetzt kommt: München

Vier Wochen bis zum Marathon München. Erstmal heisst das Erholung: Eine Woche nichts tun. Dann noch drei Wochen Aufbau und Tapering.

Almere hat gezeigt, dass das Tempo für die erste Hälfte da ist. Ob es auch über 42 Kilometer trägt, wenn der Magen mitspielt, zeigt sich am 11. Oktober.

Ergebnis: Challenge Almere-Amsterdam, 12. September 2026 | Tri Familia Langdistanz | Laufsplit 42,2 km: 3:41:45

Team: Tri Familia (Rik, Harald, Kai) | 11:17:41, Platz 12 von 18

Bedingungen: kühl, trocken, windig

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